Portugal

Azorenreise 21.09. – 04.10.2020

(Bilder dazu siehe www.haniripics.com)

Um gleich mit einem Missverständnis aufzuräumen: das Azorenhoch ist nicht der bestimmende Wetterfaktor auf den gleichnamigen Inseln, sondern liegt meist etwas westlich davon. Das Wetter auf den Inseln vergleiche ich eher mit Schottland. Man kann an einem Tag und innert Stunden die ganze Palette von Sonne, Bewölkung, Nebel (besonders im Hochland), Wind und Regen erleben und das Ganze noch abhängig vom jeweiligen Standort auf ein und derselben Insel.

Aufgrund der Corona-Situation mussten wir unsere Reise vom Mai in den Herbst verlegen. Das hatte zur Folge, dass die Vegetation - insbesondere diverse Blumen – nicht mehr in voller Blüte stand und die Neigung zu Bewölkung und zeitweisem Regen leicht erhöht war. Die abwechslungsreichen und teils noch recht wilden Landschaften dieser dünn besiedelten Inseln – wir bereisten Faial, Pico und São Miguel – boten aber auch so tolle Eindrücke.

Politisch sind die Azoren eine autonome Region Portugals. Diesen Status erreichten die Azoren im Rahmen der Nelkenrevolution von 1974. Wobei das eigentliche Ziel eine vollständige Unabhängigkeit war.

Da die Azoren auf einer tektonischen Bruchstelle zwischen den Kontinenten liegen, sind sie vulkanischen Ursprungs und Erdbeben gefährdet. Geprägt sind sie durch ein mild-feuchtes Klima, das man als subtropisch bezeichnen kann. Die Lage weit draussen im Atlantik bringt auch ab und zu Ausläufer von tropischen Stürmen über die Inseln, so waren 2019 die westlichen Inseln stark betroffen.

Die Einwohner der Azoren gelten als aufgeschlossen, freundlich und hilfsbereit, was wir vollumfänglich bestätigen können. Da kaum Sandstrände und mit Ausnahme in der Hauptstadt auch keine grossen Hotelkomplexe existieren, sind die Azoren für "Ballermänner" und "Neckermann-Touristen" nicht attraktiv, sondern mehrheitlich für Wanderer und Naturbegeisterte.

Insel Faial

Faial ist mit rund 170 qkm Fläche und etwa 15'000 Einwohnern die flächenmässig fünftgrösste der neun Azoren Inseln. Wegen der grossen Verbreitung der blauen Hortensien wird sie auch die blaue Insel genannt.

Der Hauptort Horta wurde ab 1893 Knotenpunkt mehrerer Unterseeleitungen zwischen Europa und Amerika. Wenig verwunderlich, dass damals auch eine ganze Kolonie von Spionageorganisationen sich einnistete. Auch für die Schifffahrt wurde die Insel zu einem bedeutenden Etappenziel bei Atlantiküberquerungen. Heute ist der Hafen von Horta ein beliebtes Ziel für Hochseesegler.

Mitte des 19. Jahrhunderts begann auf Faial – wie auch auf anderen Azoreninseln - die Zeit des Walfangs. Die Azoren sind eine ständige Station auf der Reise der Wale, was heute als touristische Attraktion vermarktet wird. Der traditionelle Walfang fand in den 1980-er Jahren sein Ende.

Faial erlebte 1998 ein schweres Beben. Die "vulkanische Geschichte" der Insel lässt sich auf einem Rundgang über die Krete der Caldeira, dem erkalteten und mittlerweile überwachsenen Krater, und bei Capelinhos, der wüstenähnlichen westlichen Lavaspitze erleben.

Insel Pico

Pico ist mit rund 450 qkm Fläche und etwa 14'000 Einwohnern die flächenmässig zweitgrösste der Azoren Inseln. Ihre Entstehung als Vulkanspitze aus dem Meer liegt ca. 250'000 Jahre zurück. Pico ist damit die jüngste Insel der Azoren.

Bekannt ist Pico durch den Weinbau, der heute noch in traditioneller und mühseliger Art betrieben wird. Die Rebflächen (sogenannte Adegas) sind in kleine und kleinste Flächensegmente aufgeteilt und durch etwa meterhohe Mauern aus Lavastein begrenzt. Sie enthalten jeweils einen bis maximal eine Handvoll Rebstöcke, die man bodennah wild wachsen lässt. Durch die Mauern sind die Reben vom Meereswind und dem mittransportierten Salz weitgehend geschützt und profitieren von der warmen Abstrahlung der Lavasteine.
Weite Gebiete dieser traditionellen Rebflächen sind seit 2004 UNESCO Kultur-Welterbe.

Weiter wird auf der Insel Pico ein weitherum berühmter und gerühmter Käse (der Queijo do Pico) hergestellt. Und nicht zuletzt ist der erloschene Vulkan Ponta da Pico mit seinen 2'351 Metern der höchste Berg der Azoren und gleichzeitig auch von Portugal.

Über den Walfang und seine Geschichte lässt sich Ähnliches sagen wie für Faial. Pico verfügt zudem über zwei informative und eindrückliche Walfangmuseen in São Roque und Lajes do Pico.

Landschaftlich spannend sind nebst den Rebbaugebieten an der West- und Nordküste das Hochland mit seinen vielen Kraterseen und der eher wilde und rauhe Osten der Insel.

In Calheta do Nesquim am Südostzipfel der Insel entdeckten wir einen besonderen Bootsklub. Mannschaften aus den ganzen Azoren treffen sich hier zu Wettbewerbsfahrten mit Walfangbooten. Die Boote werden von Ruderklubs heute noch in traditioneller Bauweise als Ruder-/Segelboote nachgebaut – einzig die Harpunen und die Wurfspeere fehlen.

An der Nordostküste stösst man auf einige kleine Dörfer, in welchen die traditionelle Bauweise der Häuser erhalten blieb und gepflegt wird. Diese sind aus Lavasteinen- und Blöcken gemauert, die Fugen mit weissem Mörtel verputzt und mit weisser Farbe verziert. Im Kontrast dazu sind Zäune, Türen und Fenster in starken Farben – meist rot – gehalten.

Insel São Miguel

São Miguel ist mit knapp 750 qkm und rund 140'000 Einwohnern (etwa die Hälfte davon in der Hauptstadtgemeinde Porta Delgada wohnhaft) die grösste Azoreninsel. In der heutigen Form ist die Insel "nur" etwa 10'000 Jahre alt. Durch einen Vulkanausbruch wurden damals der heutige Ost- und Westteil der Insel verbunden. Im Ostteil der Insel bei Furnas sind immer noch Schwefel- und Heisswasserquellen an der Oberfläche aktiv und der Krater des Lagao do Fogo entstand bei einem Ausbruch 1652.

Obwohl die Insel von Ost nach West nur gerade mal 75 km lang ist und Nord-Süd an der engsten Stelle knappe 12 km misst, bietet sie landschaftlich viele unterschiedliche Eindrücke. Kraterlandschaften, wilde Küsten, Weideland, Milchwirtschaft und Ackerbau teilen sich die Landschaft ausserhalb der grossen Ortschaften Porta Delgada und Ribeira Grande, die sich im zentralen Teil an der Süd-, respektive Nordküste befinden.

Der Walfang erlebte auf São Miguel eine ähnliche Geschichte, wie auf der ganzen Inselgruppe. Wirtschaftlich spielt der Tourismus eine bedeutende Rolle. Daneben wird vor allem Milchwirtschaft betrieben und in grossen Gewächshäusern werden Ananas für den Eigenbedarf und den Export produziert. Die Milchwirtschaft wird aufgrund der weitläufigen Weiden noch sehr dezentral betrieben. So sieht man oft Kuhherden auf Hauptstrassen von einem Weideplatz zum anderen wechseln (die Verkehrssignalisation ist entsprechend angepasst und sollte ernst genommen werden!). Auf den Weidegebieten trifft man immer wieder auf kleine Melkstationen, meist für zwei "Zapfstellen" ausgelegt. Von dort wird die Milch in einem Tank mit Traktor oder Geländewagen zu den Sammelstellen der Molkereien geführt. Vereinzelt haben wir auch Eselkarren und Maultiere mit angehängten Milchtausen angetroffen.

Zwei der drei einzigen europäischen Teeplantagen befinden sich im Nordosten der Insel nahe der Ortschaft Maia. Man kann die Plantage Che Goreana und die Fabrik bei laufendem Betrieb besichtigen. Dagegen wurde die dortige Tabakfabrik von einem Konkurrenzbetrieb aus Porta Delgada aufgekauft und stillgelegt. Ein Verein hat daraus ein schmuckes Museum gemacht und ist dabei, den ursprünglichen Maschinenpark wieder zu installieren.

Im Gegensatz etwa zu Picos Lavasteinhäusern stechen auf São Miguel Häuserreihen in bunten Farben ins Auge. Besonders im Hafenstädtchen Porto Formoso sind noch Gassen in diesem fröhlichen Stil und mit engen Pflastersteinsträsschen zu finden.